Bremer Vulkan – die Spätfolgen

Arbeitslos, lungenkrank
15 Jahre nach Schließung des Bremer Vulkan sind mehr als 5000 ehemalige Werftarbeiter an Asbestose erkrankt.
Und es werden immer mehr.
Von Dietmar Buttler, Bremen (junge Welt, 18.04.2011)
Bremer Vulkan
Foto: picture-alliance / dpa

Die letzte Schicht bei der Bremer Vulkan Werft war am 15. August 1997. Die dortigen Arbeitsbedingungen haben bei vielen Kollegen zu schweren Krankheiten geführt

Der Stadtstaat Bremen will eine Beratungsstelle für Menschen mit Asbestose und anderen Berufskrankheiten einrichten. Für die Anlaufphase hat die städtische Deputation für Arbeit und Gesundheit am Donnerstag 46800 Euro bewilligt. Die massenhaften Gesundheitsschäden sind ein Kollateralschaden des Schiffbaus. Die letzte Großwerft Bremens, der Bremer Vulkan, ging 1996 in Konkurs; zuvor waren alle Rettungsversuche fehlgeschlagen. Zurück blieben 2500 Kolleginnen und Kollegen, die in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden. Viele von ihnen waren krank – durch Schweiß- und Brennrauche, Lösungsmittel und nicht zuletzt durch Asbest.

Von den ehemaligen »Vulkanesen« sind 656 Anzeigen mit Verdacht auf eine Asbesterkrankung bei der Berufsgenossenschaft eingegangen. Bremen hat im Vergleich mit den anderen Bundesländern besonders viele Asbestgeschädigte: Mehr als 5000 Menschen sind hier betroffen. Nicht einmal jeder zweite Fall wurde von der Berufsgenossenschaft anerkannt, obwohl die Asbestfasern in den Körpern nachgewiesen wurden. Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Todesfälle.

Die hitzebeständigen Fasern wurden ausgiebig auf allen Werften verarbeitet. In den 70er Jahren tauchten erste asbestbedingte Lungenerkrankungen auf. Erst 1993 wurde Asbest bundesweit verboten. Der Höhepunkt der Folgeerkrankungen wird für 2017 erwartet.

Der ehemalige Betriebsrat der Bremer Vulkan-Werft Rolf Spalek steht kranken Kolleginnen und Kollegen seit der Pleite in einer Beratungsstelle auf dem ehemaligen Werftgelände ehrenamtlich zur Seite. Spalek, der selbst seit zweieinhalb Jahren an Asbestose erkrankt ist, war auch Mitherausgeber der Betriebszeitung Echo-Lot. Die Zeitung wurde von 1978 bis 1991 vor den Werkstoren verteilt. Im Echo-Lot wurde immer wieder auf die Gefahren von Asbest hingewiesen. Dies führte u.a. dazu, daß trotz Werftenkrise die Belegschaft 1983 den Umbau der asbestverseuchten »United States« ablehnte. Was wiederum eine Kündigungsdrohung der Geschäftsleitung gegen den damaligen Betriebsratsvorsitzenden Fritz Bettelhäuser zur Folge hatte. Bettelhäuser gewann seinen Prozeß.

»Schon 1968 gab es vom Gewerbeaufsichtsamt Hinweise auf die Gesundheitsgefahr, die von Asbest ausgeht«, berichtet Spalek. »Zehn Jahre später bauten die Kollegen die »Kungsholm« um. Bei diesem Umbau wurden die Grenzwerte um das 40fache überschritten. Im Jahr 2000 haben wir die damaligen, dem Betriebsrat vorenthaltenen Meßergebnisse in den Unterlagen der Sicherheitsabteilung gefunden.« Die Betroffenen müssen beweisen, daß die Erkrankung durch die versicherte Tätigkeit verursacht worden ist, so Spalek weiter. »Für den einzelnen ist so etwas kaum machbar.« Viele Unterlagen seien beim Konkurs der Werft sicherlich nicht ohne Kenntnis des Konkursverwalters vernichtet worden, berichtet der ehemalige Betriebsrat. »Was geblieben war und was wir nutzen konnten, waren Aufnahmen von Arbeitsunfällen und 3600 Gesundheitsakten.« Viele Betroffene kämpfen bis heute um die Anerkennung ihrer Berufskrankheit. »Und selbst wenn sie das geschafft haben, bedeutet dies noch lange nicht, daß sie auch eine Entschädigung oder eine Rente bekommen.«

Mittlerweile hat die Beratungsstelle selbst eine riesige Datenbank aufgebaut. Die rot-grüne Koalition im Land Bremen hat sich verständigt, noch vor Auslaufen der Legislaturperiode Maßnahmen zur Verbesserung der Situation von Asbestgeschädigten auf den Weg zu bringen. So will der Senat im Bundesrat eine Gesetzesinitiative einleiten, die die Umkehr der Beweislast fordert. Die Berufsgenossenschaften müßten dann glaubhaft machen, daß die Krankheit nicht durch die Arbeit erworben wurde. Dazu müßte allerdings das Sozialgesetzbuch VII geändert werden.

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3 Kommentare zu Bremer Vulkan – die Spätfolgen

  1. Rolf Gehring sagt:

    Suche Kontakt zu Ralf Spalek wegen europäischer Asbestaktivitäten – Kooperation mit Opferverbänden.

  2. Ahlborn sagt:

    Wie geht es dem damaligen Betriebsrat Hasso…?

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