Jammern bringt nichts …

Ein weiterer persönlicher Erfahrungsbericht

Vor ein paar Jahren war Leiharbeit etwas, dass ich nur vom Hören und Sagen her kannte, ich wusste, dass man als Leiharbeiter nur wenig verdient und halt nie richtig dazu gehört. Richtige Gedanken dazu hatte ich mir manchmal schon gemacht, es war aber sehr weit von meiner Realität entfernt. Ich hatte einen festen Job in einem Logistikunternehmen. Ich wurde nicht grade besonders gut bezahlt, aber es reichte zum Leben. Einmal im Jahr war ein Urlaub drin. Das Auto auch und für die Raten meines Hauses reichte es dann auch grade noch so. Ich fand damals schon, dass ich mehr verdienen müsste, aber dann kam die Krise 2009. Ich bekam ohne Vorwarnung von einem Tag auf den anderen eine Änderungskündigung. Nach 10 Jahren Knochenarbeit in dem Betrieb, sollte ich entweder für einen Hungerlohn weiterarbeiten, der nicht einmal zum Leben gereicht hätte oder meine Sachen packen. Ich entschied mich fürs Sachen packen.

Nach der Kündigung musste ich zum Amt. Nichtmal vier Wochen war ich jetzt arbeitslos, da kam die erste Aufforderung mich bei einer Leiharbeitsfirma zu bewerben. Ungefähr derselbe Job wie vorher, nur für 7,80 €. Ich fragte mich, ob die das ernst meinen. Ich sollte jetzt als Facharbeiter arbeiten und weniger verdienen als damals die Leute im Betrieb mit Hilfskraft-Vertrag. Alle Zeitarbeitsfirmen, bei denen ich mich vorstellen musste, betonten, dass sie gute, erfahrene Arbeiter bräuchten. Aber gut bezahlen, wollte keiner von denen. Ich war dann so gut, dass mich keine dieser Firmen überhaupt einstellen wollte, es gibt da ja einige Wege… Aber die Angst, dass ich irgendwann bei einem solchen Seelenverkäufer lande, wurde immer größer. Ich suchte jeden Tag im Internet und in den regionalen Zeitungen nach einer neuen Stelle im Bereich Logistik aber außer Leiharbeitsangeboten hab ich kaum was gefunden.

Nach einem Jahr ALG I hieß es dann, HartzIV beantragen. Aber was die alles von einem Wissen wollen, da kann man sich ja gleich nackt ausziehen und durch die Straßen laufen. Jetzt lag der Antrag vor mir und ich fragte mich: willst du den wirklich ausfüllen, dein ganzes Leben preisgeben? Ich hab dass dann nen paar Wochen rausgeschoben. Aber ich hatte keine Kohle mehr und musste den Schritt machen. Gebracht hat es nichts, denn der Antrag wurde abgelehnt. Ich hatte ja noch etwas für die Rente angespart, das sollte ich gefälligst kündigen und verbrauchen. Dann könne ich wieder kommen.

Jetzt saß ich da, ohne Einkommen und keinen Pfennig mehr in der Tasche. Der letzte Ausweg war jetzt Arbeit. Leiharbeit. Jetzt war es soweit. Alles fing in einem Büro in bester und somit auch teuerster Lage von Bremen an. Vor dem Gebäude die neusten Autos von VW Passat bis zum BMW alle mit Firmenwerbung drauf, vor mir nen Kerl mit Krawatte. Ich bekam einen Vertrag und sollte jetzt für 8,76€/ Std. arbeiten.Am ersten Tag wurde ich ohne Einarbeitung eingesetzt. Außerdem wurde ich nur zur Spätschicht eingeteilt und zwar auf Dauer – jeden Tag von 14 – 22 Uhr plus Überstunden. Der Arbeitstag war erst zu Ende, wenn alle Aufträge abgearbeitet waren. Über mehrere Wochen sah ich keinen einzigen Freund von mir, weil ich keine Zeit mehr hatte. Tagsüber arbeiteten meine Freunde, abends ich. Nach drei Monaten Knüppelei ging einfach nichts mehr, ich hatte mir ne Zerrung  geholt. Damit konnte und wollte ich auch nicht arbeiten. Ich lies mich krankschreiben.

Nach drei Tagen kam die Kündigung und ein Anruf mit der Ansage, dass ich ja wieder anfangen könne, wenn ich gesund sei. Das war meine erste Erfahrung mit Leiharbeit. Inzwischen bin ich bei der vierten Leiharbeitsfirma. Bei der zweiten war ich ganze drei Tage. Sie hatten mir gesagt, dass sie jemand für länger suchen, aber es ging ihnen letztlich nur darum, kurzfristig jemanden zu ersetzen und den Haufen liegen gebliebener Arbeit zu beseitigen. Beim nächsten Anlauf – wieder ein neuer Betrieb, neue Kollegen, neue Arbeit, neue Hoffnungen aber altes Spiel – wurde ich erneut krank, lange nach meiner Probezeit, dann wieder die Kündigung. Überall wo ich eingesetzt wurde, sollte ich 100% Leistung bringen, laut Vorgesetzten sogar 110%. Wobei ich nicht weiß, wie das gehen soll. Niemand hält so etwas auf Dauer durch. Doch wenn man nicht mehr kann, wird man abgeschoben.

Meine Hoffnung auf einen Job, der mir halbwegs Spaß macht, mich nicht total kaputt macht und in dem ich soviel Geld verdiene, dass es bis zum Monatsende reicht, wird immer geringer. Auf der anderen Seite wächst meine Wut und mein Frust Tag für Tag. Inzwischen arbeite ich seit neun Monaten in der Frühschicht in einem Logistikbetrieb, wieder als Leiharbeiter. Weil es soviel Arbeit gibt, wollen sie demnächst eine zweite Schicht aufmachen – dem Betrieb scheint es gut zu gehen, die Produktion steigt und ich arbeite jetzt für knapp 9,60 €. Zu viel mehr als früh aufstehen, arbeiten, kaputt von der Arbeit kommen, essen, fernsehen und schlafen, komme ich gerade nicht. So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt. Aber ich lass mir nicht mehr alles gefallen. Ich werde mir den Mund nicht mehr verbieten lassen, ich mach mich nicht mehr kaputt und wenn es zu viel wird, dann schmeiß ich´s halt hin. Im Moment gibt es genug Arbeit, gerade in Bremen, wo es über 400 Leiharbeitsbuden gibt, da wird’s auch immer wieder was neues geben, wenn es eng wird. Ich hab außerdem angefangen, mir Leute zu suchen, die auch die Schnauze voll haben. Ich hab Leute aus den verschiedensten Betrieben angesprochen, wir fangen jetzt an uns regelmäßig zu treffen, um endlich gemeinsam was gegen den Scheiß auf die Beine zu stellen.

Ein Kollege……….

 

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Ein Kommentar zu Jammern bringt nichts …

  1. Egal sagt:

    Vielen vielen Dank für diesen Bericht!
    Wir sind doch eigentlich soviele…
    Was ist hier nur los?

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