Wir sind doch keine Tiere…

Leiharbeit-HA-Hamburg-SindelfingenErfahrungsbericht eines Kollegen aus Hannover:

Der Anfang: „Keine Angst, wir verpulvern dich schon…“

Ich hatte soeben eine Nachricht von der Uni bekommen, dass ich für das nächste Semester abgelehnt worden bin. Das hieß, dass das Bafög wegfällt und ich anderswo die Kohle für Miete, Essen, den ganzen alltäglichen Kram und für einige Annehmlichkeiten auftreiben müsste. Schnell ins Internetcafe gelaufen, wo ich ziemlich schnell eine Anzeige für einen ungelernten Arbeiter im sogenannten Dienstleistungsbereich fand, ‘ohne nähere Tätigkeitsbeschreibung’, wie es so schön heißt bei einer Firma PND (Personalnahe Dienstleistungen GmbH) aus Laatzen. Ich rief dort an, und wollte eigentlich fragen, ob sie Bewerbungen annehmen, aber schon das erste Telefongespräch lief ganz anders, als ich mir das hätte vorstellen können. „Ab wann können sie arbeiten?“ „Ich könnte auf jedenfall schon schnell anfangen“, sagte ich. „Dann kommen sie um 16h zu mir in die Firma mit Lohnsteuerkarte, Sozialversicherungsausweis und Krankenversicherungsnachweis, dann machen wir schnell einen vorläufigen Arbeitsvertrag, und sie stehen morgen um 6.20h auf der Matte, heute können sie leider keine Schicht mehr machen.“ Im nachhinein denke ich, dass dieser Herr gezielt und systematisch die ersten Kontakte mit seinen Arbeitern so gestaltet, dass sie von Anfang wissen: Wir haben hier keine Ansprüche zu stellen, wir können froh sein, dass dieser Herr uns herumschickt und mit uns macht, was er will. Und das nur, indem er drei Minuten mit dir redet. Ich war ziemlich verdattert und runtergebuttert, schließlich hatte ich bisher erst ein paarmal temporär irgendwo gearbeitet, ansonsten studiert, und ich hatte diesem Herrn rein gar nichts engegenzusetzen.

Ich fuhr schnell zu meinen Eltern ins Umland, um meine Unterlagen zu holen, von wo ich dann nochmal kurz in der Firma anrief, um irgendeine Kleinigkeit zu erfragen. Das zweite Telefongespräch fing so an: „Ja hallo, ich wollte fragen…“ „Das ist keine Hannoveraner Nummer, von der sie anrufen, wo sind Sie, ich dachte, Sie kommen aus Hannover.“ Sofort war ich in Rechtfertigungszwang und musste mich offenlegen. Der Arbeitgeber duldet keine Privatsphäre, er will, dass ich permanent verfügbar und „flexibel“ bin, was nicht mehr heißt, als dass ich gut herumgeschoben werden kann von einem Entleiherbetrieb zum anderen und soweiter und so fort, und dass bei diesem Unterfangen meine persönliche Lebenslage irgendeine Störung verursacht.

Dafür ist es natürlich notwendig, dem Arbeiter unter Druck und unter Aufbringung eines hohen Misstrauens klarzumachen, dass er lieber still bleiben sollte, möchte er nicht gekündigt werden (innerhalb der ersten vier Wochen Kündigungsfrist von 2 Tagen).

Schon leicht gestresst und etwas ängstlich vor diesem fordernden, selbstbewussten und drängelndem Herrn, machte ich mich auf nach Laatzen. Ich kam dort an, blickte erstmal auf Poster von PND, die mir eine wirklich rosige Zukunft versprachen, die dann auch noch den Kunden und dem Unternehmen selbst zuteil werden würde, wenn alle „ein Team“ sind. Erstmal kam ich dann zu Jessica, wahrscheinlich der Sekretärin von dem Herrn, dessen Namen ich vergessen habe. Sie hat es ziemlich gut verstanden, den Arbeiter zu ‘umgarnen’, damit er den Arbeitsvertrag unterschreibt, so freundlich habe ich sie seit dem ersten Tag dann nicht mehr erlebt. Unglaublich freundlich, smalltalk-gewandt und ganz auf der Seite der Arbeiter, wenn es um Arbeitsrechte oder Arbeitsschutz ging, so war sie diese Viertelstunde lang. Dann kam der Herr Manager oder was er immer auch war, grinste gewinnend, und fragte mich, ob ich fit sei. „Ich mache viel Sport, also eigentlich fühle ich mich ganz gut“, sagte ich. Er grinste wieder: „Keine Angst, wir verpulvern dich schon…“ Wenn man dem Herrn eines nicht vorwerfen kann, wäre es mangelnde Ehrlichkeit, weil er mir den Job genauso präsentiert hat, wie er dann auch war. Ich kriegte noch ein paar blaue Zettel, in die ich meine Stunden eintragen sollte, und die ich einmal die Woche zur Firma bringen sollte, was bei dem Gehalt (7,50€/Stunde) und den Fahrtkosten nach Laatzen schon eine ziemliche Unverschämtheit ist. Außerdem bekam ich einen Blaumann und Arbeitsschuhe für jeweils 18€, was mir von meinem ersten Gehalt abgezogen wurde, plus Kleinkram (Stöpsel, Schutzmaske, Handschuhe). Wir (Herr, Jessica und ich) haben dann noch draußen zusammen eine geraucht, wo sie, besonders Jessica, mich dann nochmal für meinen Einstieg ins Team beglückwünscht haben. Wie dieses Team funktioniert, durfte ich dann relativ schnell am eigenen Leib erfahren.

Auf dem Bau im ersten Entleiherbetrieb…

Am meinem ersten Arbeitstag sollte ich um 6.20h in Hemmingen bei einer Abrissfirma sein, um von dort dann zum Einsatzort gebracht zu werden. Ich kam in den Raum, wo die Arbeiter auf ihren Auftrag warteten, und bekam sofort die volle Ladung Ignoranz zu spüren, was mich vermuten ließ, dass ich nicht der erste Leiharbeiter dort war, vielfältige Erfahrungen mit Leuten meines Schlages vorhanden waren und die Leute dich einfach nur abgestumptft ignorierten, bis auf einen, der mich zweimal total genervt und böse angefahren hat, weil ich mich auf ‘seinen’ Stuhl gesetzt hatte, was ich nun wirklich nicht riechen konnte. Den Leuten dort war’s auch egal, wenn der morgendliche Ärger über die Arbeit an dem neuen Leiharbeiter ausgelebt wurde. Einer von PND war auch da, ein junger Mann, der schon verheiratet war und ein Kind hatte, und der den Winter über arbeitslos war, dem jetzt einfach keine andere Möglichkeit übrig blieb, diesen Job anzunehmen (vermittelt übers Arbeitsamt), um seine junge Familie durchzubringen. Mit ihm konnte ich wenigstens rauchen und ein bisschen reden, was dort vielleicht das Minimum an möglichem Zusammenhalten war. Wie ich später erfuhr, fiel dieser junge Mann zwei Tage später auf einer Baustelle aus dem ersten Stock auf einen Stein. Was mit ihm weiter geschah, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Dass das eine sehr schlimme Sache sei, da waren sich alle einig, aber um die Zustände der Leiharbeit zu skandalisieren, reichte es nicht.

Ich war mit zwei Facharbeitern dann auf einer Baustelle, wo ich Holz wegräumen und fegen musste. Ich war schrecklich müde, ziemlich unkonzentriert und wurde sehr konsequent ignoriert, ich glaube, ich habe keinen einzigen Satz mit meinen Kollegen geredet. Der eine von ihnen hatte mich ab da an auf dem Kieker, gab mir absichtlich die niedrigsten Arbeiten (auch wenn sie ihm aufgetragen wurde, delegierte er sie an mich), sagte nicht hallo und tschüss und verhielt sich insgesamt ziemlich abfällig.

Ab da an war ich eigentlich alle 3-4 Tage auf einer anderen Baustelle, wo ich dann auch nettere Facharbeiter kennenlernte. Die Aufgaben blieben die gleichen: Schutt aufladen, Schutt wegbringen, fegen, Sachen einreißen, Müll einsammeln und wegbringen…die ganzen zuarbeitenden Tätigkeiten, die eben beim Abriss so anfallen. Wie eben berichtet, gab es jene, die die eigene Wut auf die Leiharbeiter übertrugen, die sich selbst erhöhten, indem sie die Leiharbeiter erniedrigten, um den Stolz auf den eigenen Status als Facharbeiter zu wahren, und dabei gar nicht merkten, dass sie gegen sich selbst kämpften. Ich lernte aber auch solche kennen, die dich wie einen Kollegen wie jeden anderen behandelten, womit ich zuweilen etwas überfordert war, da ich keine Pornos auf dem Handy und keine Puffbesuche vorzuweisen hatte, ich also von meinem Verhalten etwas zu anders war. Dann kam ich auf eine Baustelle in einem Gemeindezentrum: Ich wurde am Anfang von den Kollegen angewiesen, das Frauenposter an der Eingangstür zum Aufenthaltsraum mit ‘Guten Morgen, Fotze’ zu begrüßen, aber im Umgang mit den beiden Facharbeitern, Martin und Luca, und dem anderen Leiharbeiter habe ich auch einige interessante Sachen kennengelernt: Einerseits ‘sinnlich’, also in dem, was ich so wahrnehmen konnte: Ein Geruch nach Schutt, der schon ziehen kann, in den Räumen, wo gebohrt wurde, hatte ich das Gefühl, Staub zu atmen, dieses nackte, kalte Gebäude, die Arbeiter mit den sehr ledrigen, verwitterten Händen und den sehr staubigen, ziemlich grauen, und nach lebenslanger Müdigkeit aussehenden Gesichtern, denen man die Monotonie und körperliche Anstrengung des jahrelangens Arbeitens auf dem Bau ansehen konnte. Für mich war es die ersten Wochen auch ziemlich hart, mich in den Arbeitsrhythmus einzufinden, mit früh aufstehen, früh ins Bett, vorher noch kurz irgendwas konsumieren (Bier, TV, Essen, Kiffen), und dann 8 Stunden  arbeiten.

Trotzdem hatten sie eine bestimmte Art und Weise, ihre Arbeit zu erledigen, die sie mir auch beizubringen versuchten: Arbeite niemals in einem Tempo, in dem du schwitzst. Immer eins nach dem anderen, immer mit der Ruhe, aber trozdem immer beschäftigt. Wenn du ordentlich was geschafft hast, rauch erstmal. Wenn Pause ist, ist Pause. Die wird auch mal länger gemacht. Bleib sitzen und ruh dich aus. Iss langsam, und genieß dein Essen und die Ruhe. Setz den Helm auf, wenn der Architekt (der ‘Schwuchtel’ genannt wurde, wenn er nicht da war), damit es keinen Ärger gibt. Regeln, die die Arbeit zu einem bestimmten Maß erträglich machten.

Der Leiharbeiter, einem älteren, mageren, kleinen, aber unglaublich zähen Mann aus Weißrussland, der wie ein Kind mit grauen Haaren aussah, aber unermüdlich in seinem Arbeitsrhythmus blieb,  redete in den Mittagspausen nie ein Wort. Wenn, dann ironische Bemerkungen. In Weißrussland war er wohl auch ein Facharbeiter gewesen, 20 Jahre lang, und ist jetzt ein Leiharbeiter, der die Drecksarbeit macht. Er war ziemlich genau die Erscheinung, die ich dann im zweiten Entleiherbetrieb als jene kennenlernte, die stumpf, ergeben und schweigsam ihren Arbeitstag runterarbeiteten, und deren Erscheinung nicht viel Mut gegeben hat.

Viele Facharbeiter waren ziemlich brastig auf die Arbeit und ihren Chef, Luca zB ist während den Mittagspausen oft ziemlich wütend geworden oder resigniert über die ‘Scheiße’. Die nochmals schlechtere Lage der Leiharbeiter aber wurde selten thematisiert: Einem Jungen von PND, den ich dort kennenlernte und der kurz vor der Kündigung stand, blieb nichts anderes übrig, als das hinzunehmen, was PND mit ihm macht. Sowieso lernten sich die Leiharbeiter kaum kennen, höchstens morgens für 20 mins bei der Firma, oder wenn man mal zusammen auf eine Baustelle geschickt wird. An einem Nachmittag, wo ich gerade auf einer Baustelle Fenster rausnehmen war, rief mich der PND-Herr an, und teilte mir mit, dass ich nicht so recht ins Team passen würde und dass ich jetzt woanders hinkomme und ich doch mal bitte in die Firma kommen soll, weil ich ja auch nichts besseres zu tun habe.

Der zweite Entleiherbetrieb: Wir sind doch keine Tiere…

Ich fuhr einmal mehr nach Laatzen, wo ich erfuhr, dass ich ab dem nächsten Tag von der Großspedition dpd in Lehrte gebucht wäre. Im nachhinein wurde mir daraus klar, was Arbeitskraft in der Leiharbeit bedeutet, nämlich dass Firmen ohne Risiko für die einfachen Tätigkeiten billigste Arbeitskraft buchen können, und sie, wenn sie nicht gut genug arbeitet, einfach wieder umtauschen können, wie einen MP3-Player, der nicht funktioniert.

Ich war erstmal sehr gespannt, was mich erwarten würde, fuhr mit dem Zug zur Spätschicht nach Lehrte, wo ich mit einem Shuttle-Bus abgeholt wurde, für den wir pro Tag eine Transportmarke von einem Euro zu lösen hatten, was die Unverschämtheiten innerhalb der Leiharbeit nur zu deutlich macht: Während besserverdienende Festangestellte sich daruf verlassen können, die Fahrt zur Arbeit bezahlt zu bekommen, müssen die schlecht verdienenden Leiharbeiter die Fahrt noch von ihrem ohnehin mickrigen Gehalt abziehen.

Am Werkgelände angekommen, hatte ich mich im Empfangshäuschen in einer Liste einzutragen, in der mich eine erste Ahnung überkam, was hier los war. Auf der Liste hatten sich jeden Tag alle Leiharbeiter unter Angabe ihrer Firma einzutragen, und ich kam mit dem Zählen der Leiharbeitsfirmen, die zu dpd verliehen, kaum hinterher. Es waren auf jeden Fall an die 15-20 verschiedenen Firmen, die in diesen verbrecherischen Laden involviert waren und die alle auch verschiedene Löhne zahlten, die einen den Leiharbeitstarif von 7,50, die anderen nur 7,20, jedenfalls so unüberschaubar, dass mir schnell klar wurde, dass hier irgendwas schief lief. Es war quasi das Sammelbecken derjenigen, die in der (sozialversicherungspflichtigen) Arbeitswelt auf unterster Stufe stehen. Nach der überschaubaren Welt der Baustellen war ich zunächst ziemlich überwältigt von der Größe und der Masse des dortigen Betriebs: Innerhalb weniger Minuten verließen an die 200 Arbeiter die riesige Fabrikhalle und kamen 200 neue rein. Ohne großartige Einweisung fing für mich die Arbeit recht unvermittelt an. Die Firma war in drei große Teile geteilt: Wareneingang, Kommisionierung und Warenausgang. Ich fing im Warenausgang ein, was hieß, dass man sechs Stunden lang alleine in einem LKW stand, in den ein Fließband führte, von dem man Pakete jeglicher Größe und viele Reifen zu nehmen hatte und den LKW damit randvoll zu füllen hatte. Dabei war jeder für vier Tore verantwortlich, an denen jeweils ein LKW parkte. Das bedeutete, dass, wenn man sich an einem Tor zu lange aufhielt, die Fließbänder an den anderen Toren bis obenhin voll waren, und du sechs Stunden lang von einem Tor zum anderen hetzen musstest, um ja nichts aus den Augen zu verlieren. Ohne Unterlass und ohne Pause zu packen und dabei den psychischen Stress, der Ware auf den Fließbändern hinterherzukommen, zu ertragen, waren ein Grad an Arbeitsbelastung, dem standzuhalten mir sehr schwierig vorkam. Und damit war ich kein Einzelfall, denn die Stimmung unter den Kollegen brodelte. Mit allen Leiharbeitern, mit denen ich dort sprach, war das erste, worüber man sich einig war, dass die Arbeit scheiße und durch und durch hassenswert ist. Niemand, der dort war, war dort, weil er den Job mochte. Viele ältere Männer, die Familien hatten, waren sogenannte ‘Aufstocker’, also Leute, deren Lohn nicht reicht, um über Hartz 4-Niveau zu kommen, und die vom Arbeitsamt zu ihrem Lohn noch staatliche Unterstützung erhielten. All diese Männer fühlten sich als Sklaven des Arbeitsamtes, und erfuhren Tag für Tag die Gewalt, mit der sie zu dieser psychisch und physisch zermürbenden Arbeit gezwungen wurden. Die Männer regierten jedoch sehr verschieden darauf: Die einen verrichteten resigniert mit Alkoholfahne und ohne aufzublicken ihre Arbeit, anderen war der Wille, aufzubegehren und die Fabrik abzufackeln, den ganzen Tag anzumerken, und wieder andere fanden sich, um irgendwie weitermachen zu können, mit ihrer Situation ab und hatten nochmal ein Lächeln auf den Lippen. Auf dem Rückweg über das Fabrikgelände waren die Worte der Kollegen stets die selben: „Wir sind doch nur Sklaven…“, „Die machen uns kaputt“, „Wir sind doch keine Tiere“. Was diese Worte bekräftigt, ist die unglaublich hohe Fluktuation im Betrieb, da jeden Tag einer weg war und jedenTag ein Neuer kam; es hieß, dass die Arbeit bei dpd niemand länger als drei Monate macht, was darauf hinweist, dass die Chefs von dpd bewusst und kalkuliert die Leute kaputt machten, da ihnen ja das Heer der Überflüssigen zur Verfügung stand, das über die Leiharbeitsfirmen in die dortige Fabrik geschleust wurde.

So einigend die Ablehnung der Arbeit erschien, um so mehr Konflikte wurden über andere Wege ausgelöst, z.B. über die Nationalitäten. Polen behaupteten, die Russen seien faul, Russen behaupteten, Polen seien faul, Deutsche regten sich auf, dass niemand gutes Deutsch spricht und so weiter und so fort, was mich sehr wütend machte, denn 95% der Leiharbeiter dort waren keine Deutsche. Ich erklärte mir diesen Rassismus so, dass die Leute ihre Wut einfach auf irgendwas abladen wollten, um klarzukommen, und dann ihre Nationalität nahmen, die ihnen auf irgendeine Weise die Sicherheit gab, ‘Wer’ oder was besseres zu sein.

Ob es Putzen, Spargelstechen oder das Verladen unserer irrsinnig gigantischen Warenproduktion ist, diese Tätigkeiten werden mit billigsten und zum Leben unzureichenden Löhne an jene abgegeben, die in diesem Land keine andere Möglichkeit haben, Geld zu verdienen. Denn ich hörte manche Flüchtlingsgeschichte, die in dieser lärmenden, dunklen und bedrückenden Halle endete, bevor sie von Land zu Land gereist waren, um irgendwo ihr Überleben und das ihrer Frauen und Kinder zu sichern.

Nach einer Woche voll solcher Erfahrungen beschloss ich, aus meiner priviligierten und abgesicherten Position einen Versuch zu starten, das Elend unter den Kollegen zu thematisieren. Ich schrieb einen Handzettel, auf dem ich einfach nur zu einem unverdächtigen Treffen nach der Arbeit einlud und den ich im Raucherraum auslegte. Das machte ich schön unauffällig. Nach zehn Minuten bereits suchte jemand aus dem Büro aufgebracht und offensichtlich wütend und hektisch nach dem Übeltäter, der die Leute aufzubringen versuchte. Die Möglichkeit, jederzeit entlassen zu werden, und die Angst davor, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, war bei allen Kollegen, mit denen ich persönlich über ein solches Treffen sprach, zu übermächtig, was ich verstehen konnte, aber gleichzeitig nur Resignation bereithielt, da die Situation so unerträglich bleiben würde.

Somit war klar, was Leuten droht, die es wagen, sich zu wehren. Was Leuten droht, die nicht nach der Pfeife tanzen, wurde an einem der nächsten Tage deutlich, als ich eine halbe Stunde zu spät kam: Jessica drohte mir am Telefon mit einer fristlosen Kündigung und als ich in die Firma kam, wurden mir 12 Tore statt der 4 zugeteilt. Dieser Tag bescherte mir einmal mehr schmerzende Tennisarme und führte mir vor Augen, dass ich mich diesen Verhältnissen nicht länger aussetzen wollte. Zwei Tage später kündigte ich den Arbeitsvertrag, und ich bin froh, dass mir als Student mit deutschem Pass noch andere Möglichkeiten offen standen, meine Brötchen zu verdienen. Alles andere als froh bin ich allerdings darüber, dass dieser Satz für meine Kollegen nicht gilt.

Wohin mit der Wut?

Dass es gärt, dass die Wut im Bauch der Leute immer weiter wächst, dass die Verhältnisse ungerecht und unerträglich sind, war bei dpd jeden Tag offensichtlich. Der Zorn über die dortige Situation wurde offen mitgeteilt, jedoch die Möglichkeit des Widerstands wurde durch die Struktur der Leiharbeit zugunsten der Leiharbeits- und Entleiherfirmen beschränkt. Wer auffällt, stört oder protestiert, kann von einem Tag auf den anderen auf der Strasse stehen. Somit ist das Risiko, etwas zu unternehmen, extrem hoch, da die Leiharbeiter sehr wohl wissen, wie austauschbar sie sind und an was für einem seidenen Faden ihre Existenz hängt. Leiharbeit ist momentan eine der extremsten Formen, die Existenzängste der Menschen, die im Kapitalismus  leben, für das Kapital zu nutzen, indem sie so ausbeutbar wie möglich gemacht werden, ganz nach dem frühkapitalistischen Prinzip des „Hire and fire“.

Perspektiven der Veränderung sind rar gesät: Auf die zentralisierten Gewerkschaften braucht man nicht zu zählen, schließlich waren sie selber an der Ausweitung der Arbeitnehmerüberlassung beteiligt, selbiges gilt für die SPD und die Grünen, die im Beklagen der Leiharbeit fast genauso gut sind wie in ihrer Einführung. Ein mögliches Szenario sehe ich nur in der Zusammenarbeit von Leiharbeitern und Festangestellten, denn die Festangestellten können etwas unternehmen, ohne direkt entlassen zu werden. Denn lohnabhängig beschäftigt sind beide Gruppen und das eint sie, und wenn beide zusammen kämpfen würden, wäre die Spaltung der Arbeitenden, die durch die Leiharbeit vorangetrieben wurde, überwindbar.

 

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